Die Trägheit des Auges


Das Lebensrad und die Trägheit des menschlichen Auges


Die Trägheit des Auges



Die ,,Trägheit des Auges'' ist für den Film sehr wichtig. Denn das menschliche Auge sieht ein Bild ganz kurz länger, als es da ist. Wenn man in einer dunklen Nacht einen brennenden Stock in einer Achterform durch die Luft schwingt sieht man nicht den momentanen Stand der Stockes, sondern die ganze Form eine „Feueracht“. Dieses Phänomen hat mit der Trägheit des Auges zu tun.

So kann auch durch die Überblendung mit einem anderen Bild, wenn man diese Reihenfolge oft genug wiederholt, ein Trugbild entstehen. Der Engländer Peter Mark Roget entdeckte 1824 als erste die Gesetzmäßigkeit, dass das menschliche Auge einen Bewegungsablauf schon mit fünf Frames (Bilder) pro Sekunde wahrnimmt. Auf der einen Seite eines kreisförmigen Kartons ist ein Käfig zu sehen und auf der Rückseite ein Kanarienvogel. Durch schnelles Hin- und Herbewegen scheint der Vogel im Käfig zu sitzen.


Wunderscheibe

Thraumatrop oder Wunderscheibe, Frankreich 1830.



Viele dieser Erfindungen waren in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa als Kinderspielzeug im Umlauf. Die meisten davon stammten aus England. Alle basieren auf dem gleichen eben genannten Prinzip.

Eigentlich ist die Trägheit des menschlichen Auges ein Manko. Eine Biene zum Beispiel würde selbst bei einem Film mit 26 Bildern pro Sekunde (normaler Fernsehfilm) nur abgehackte Bilder erkennen.



Vorformen des Films



Das Lebensrad, auch Phenakistoskop, Fantaskop oder Stroboskop genannt, wurde um 1833 von Joseph Plateau erfunden. Doch gleichzeitig hatte Simon von Stampfer in Wien die gleiche Idee. Plateau setzte sich als Erfinder durch.

Das Lebensrad ist eine runde Scheibe. An dieser sind außen in gleichmäßigem Abstand Schlitze angebracht. Unter jedem Schlitz befindet sich auch ein Bild. Zusammen ergeben die Bilder eine Bildreihenfolge. Meist besteht die Reihenfolge der Bilder aus zwölf, sechzehn oder zwanzig Bildern. Mit einem konzentrisch angebrachten Stab hält man das Lebensrad.


Lebensrad

Lebensrad erfunden um

1833 von Joseph Plateau.



Nun blickt man in einem Spiegel, hält das Rad vor sein Gesicht und schließt ein Auge. Das andere ist so ausgerichtet, dass man von hinten durch einen Schlitz schauen kann. Man beginnt nun das Rad sehr schnell zu drehen. Im Spiegel ist nun die Simulation einer Bewegung zu sehen, die durch die Bilder auf dem Lebensrad entsteht. Aber wie funktioniert das?

Bei der Wundertrommel ist das ähnlich. Die Wundertrommel (Zoetrop) wurde 1885 von Ottomar Anschütz erfunden. Sie ist ein Papier streifen, der hochkant aufgestellt ist. Auf diesem sind wie bei dem Lebensrad einzelne Phasen eines Bewegungsablaufs gemalt oder gezeichnet. Dass man den gleichen Effekt auch mit Fotos erzielen kann merkten die Menschen relativ bald. ähnlich wie bei dem Lebensrad ist hier für jedem Bild ein Schlitz zugedacht. Bei der Wundertrommel ist es so, dass man die Bilder nicht im Spiegel, sondern auf der gegenüberliegenden Seite sieht.


Wundertrommel

Wundertrommel erfunden um ca. 1885



Das Prinzip



Der Grundsatz, welcher hinter diesen Erfindungen steckt ist so simpel wie genial. Wenn man in den Spiegel schaut, und das Lebensrad vor sich hat, sieht man, je nach Ausschnittsgröße, ein oder mehrere Bilder. Nun beginnt man das Rad anzudrehen. Es schieben sich in gleichmäßigem Abstand ,,Schwarzblenden'' vor das Auge. Durch die Schwarzblenden erkennt man das Bild als Ganzes; man sieht also nicht, wie sich das Bild vor das Auge schiebt. So sieht man kurz kein Bild und das Gehirn hat Zeit das vorherige mit dem nächsten zu Verbinden und die Veränderung als Bewegung zu deuten. Durch die Trägheit merkt es gar nicht, dass eine Schwarzblende dazwischen war. Wäre das nicht so, würde man wie bei der ,,Feueracht'' nur verwischte Strukturen sehen.

Bei der Wundertrommel sieht man durch den Schlitz das Bild auf der gegenüberliegenden Seite und nicht im Spiegel.

Auch beim Film ist dieses Prinzip mit den Schwarzblenden dasselbe. Man sieht dabei das Bild nur für wenige Hundertstel Sekunden. Bei einem Fernsehfilm sind es genau 4/100 Sekunden.


Quellen: Animation Trickfilm, Sergi Càmera, EDITION Michael Fischer

©Xaver Kasparek 2012